Pema Lingpa

„Durch die Kraft derer die bezähmt werden sollten, bin ich in vielen Ländern gewesen;
gab zahlreiche Ermächtigungen und stellte Dharmaverbindungen her;
brachte Männer und Frauen mit dem entsprechenden Karma auf den Weg des Reifens und der Befreiung;
und betete, dass sogar die Zweifelnden unter ihnen sich wandeln.“
Pema Lingpa

 

Gemäss der Weissagung des zweiten Buddha Guru Rinpoche, war der Tertön Ugyen Pema Lingpa (die Inkarnation der Prinzessin Pemasal) einer der fünf Tertön-Könige.

Entsprechend der Prophezeiung Padmasambhavas` wurde folgendes vorausgesagt:

„Zu Phari in Gos, werden die Häuser unterhalb der Festung geschützt sein;

Zu Tagur in Lato, wenn die Strassen ein Handelsquartier für Gifte werden;

Gewarnt von diesen Zeichen, gilt es jetzt nicht zu versäumen;

die verborgenen Schätze aus dem brennenden See (Me Bar Tsho) ans Licht zu bringen;

Ugyen Pema Lingpa wird erscheinen.“

Pema Lingpa, der grosse Heilige Bhutans, wurde im Jahr des Eisenpferdes (1450) am 15ten Tag im Monat des Tigers zu Chel Baridrang im Tang-Tal, Bezirk Bumthang in Bhutan geboren.

Zum Zeitpunkt seiner Geburt strahlten drei Sonnen am Himmel, Blütenblätter fielen herab als ob es regnete und Regenbögen zeigten sich ringsumher. Lange nach der Geburt waren beide, Mutter und Sohn Tag und Nacht von Regenbögen umgeben. Viele Dakas und Dakinis brachten Badewasser herbei, tanzten, sangen und scherzten mit ihm und ebenso zeigten sich andere unvorstellbare und wundervolle Schauspiele. Ihm wurde der Name Paljor gegeben.

Während er in seinen jungen Jahren spielte, zeigte er im Allgemeinen ein Verhalten, das über jenes der meisten Kinder hinaus ging: er sass auf einem Thron und es wirkte als ob er Ermächtigungen und Anweisungen gab, rezitierte, führte heilige Tänze auf, versammelte eine Gefolgschaft und trat in meditative Versenkung ein. Zu jener Zeit hinterliessen seine Hände und Füsse viele Abdrücke im harten Stein als ob dieser Schlamm war. Noch heute sind diese für jeden zu sehen. Er hörte niemals auf den Rat seiner Mutter oder seines Vaters oder auf jemand anderen. Er praktizierte vielmehr die ursprüngliche tantrische Verhaltensweise: unvoreingenommes, unverstelltes, unverzügliches Sein mit allem was ihm erscheint.

Als die wahre Inkarnation des allwissenden Longchenpa, lernte Tertön Pema Lingpa ohne Anstrengung die Kunst des Lesens und Schreibens wie auch das Schmiede- und Schreinerhandwerk.

Im Jahr des Feuer-Affen (1476) am zehnten Tag des ersten Monats im Herbst, schlief er zu Füssen des Tempels direkt am Klosterplatz ein. „Steh auf und arbeite!“ als er dies hörte, sah er sich um. Nahebei stand ein Mönch in zerlumpter Robe. Nach ausführlicher Befragung reichte er ihm eine Schriftrolle aus Papier und sagte, „schau gut und gib mir etwas zu essen.“ Nach Zubereitung der Nahrung, ging Pema Lingpa wieder nach draußen, um den Mönch zu rufen, aber dieser war spurlos verschwunden. Als er die Papierrolle ansah, las er: „In der Vollmond-Nacht dieses Monats, am unteren Ende deines Tales gibt es einen Ort, Naring Drak genannt. Dort liegt der dir bestimmte Schatz. Nimm fünf Freunde und gehe dorthin um ihn zurückzuholen.“

Diesen Anweisungen folgend, ging Pema Lingpa nach Senge Naring Drak oder Me Bar Tsho, dem brennenden See. Als Pema Lingpa sein Ufer erreichte, stieg in ihm augenblicklich ein intensives Erleben auf von dem vollständigen Verschwinden aller Bezugspunkte und jeglichen Bezogenseins. Er zog all seine Kleider aus und sprang in das Wasser. Unter dem Wasser in einer Höhle, genannt Palgyi Phukring (die glorreiche lange Höhle), war eine lebensgroße Abbildung des Lehrers. Neben dieser, auf der linken Seite befand sich ein Stapel mit vielen Kisten aus Rhinozeros-Haut. Unter diesen war eine Schatzkiste, die ihm eine einäugige Frau in kastanienbrauner Kleidung überreichte. Darin befand sich der Text „Die Kernaussage der geheimen Essenz des strahlenden Raumes Samantabadris`“. Nachdem er irgendwie wieder zurück auf den Fels getrieben wurde, kehrte er mit seinen Freunden zu Mitternacht zurück. Er segnete seine Mutter, seinen Vater und andere mit dem Schatz.

Als er zum ersten Mal, die bis dahin unter Verschluss gestandenen Ermächtigungen und Anweisungen dieser segensreichen Lehren öffnete, erschienen unzählige positive Zeichen, wie ein Blumenregen und ein Baldachin aus Regenbögen.

Jede Nacht erlebte er, dass der Große Orgyen und Yeshe Tsogyal ihm die genauen Einzelheiten erklärten, wie die Ermächtigungen zu übertragen sind und die Anweisungen für die Ausführung der Tänze gaben, ebenso wie die Notation der Musik für die Ritualhandlungen ist usw. und dass er diese Unterweisungen am folgenden Tag genau durchführen wird.

Am vierzehnten Tag des achten Monats dieses Jahres, inmitten einer großen Menschenmenge, die am Rande von Mebartso versammelt war, hielt Pema Lingpa in seiner Hand eine Butterlampe hoch und erklärte, “Wenn ich eine dämonische Erscheinung bin, möge ich in diesen Wassern sterben. Wenn ich ein Sohn von Orgyen bin, dann werde ich den notwendigen Schatz finden und diese Butterlampe wird nicht erlöschen.“

Dies gesagt, sprang er. Die Menschen zeigten alle möglichen Reaktionen und ein grosses Geschrei kam auf, aber unmittelbar darauf schnellte Pema Lingpas` schillernde Gestalt aus dem Wasser empor mit einer Buddha-Statue in der Hand und einem Kästchen unter der Achsel aus zwei miteinander verbundenen Schädelschalen, das gefüllt war mit heiligen Substanzen. Darüber hinaus brannte die Butterlampe immer noch. Daraufhin waren all die Zweifler voll vertrauensvoller Hingabe und in einen Zustand von befreitem Erwachtsein versetzt.

Bei Vollmond im ersten Frühlingsmonat im Jahr des Vogels (1477) nahm Pema Lingpa zusammen mit drei Schülern eine Kiste aus Rhinozeroshaut heraus, welche den Text „Der große Mitfühlende, die Lampe welche die Dunkelheit erhellt/vertreibt“ beinhaltete.

Am zehnten Tag des siegreichen Monats entnahm er aus dem Senge Drawa Felsen im Unteren Bumthang in Anwesenheit von über hundert Menschen, die Kiste welche eine gelbe Schriftrolle, eine Abschrift, zum Inhalt hatte und eine Statue Padmasambhavas`. Es regnete Steine und es kam zu anderen großen und heftigen Natur- Ausbrüchen. Danach war der Himmel voller Regenbögen.

Am zehnten Tag im Monat des Hundes, brachte er die Kiste mit dem Text „Der zornvolle Rote Guru, der Wirbelsturm der Flammen“ ans Licht.

Zu Pemaling, ging die eindringliche Bitte der fünf Weisheits-Dakinis an ihn. So entnahm er aus Senge Kyichok im unteren Bumthang eine Bronzestatue des Lehrers in der Grösse einer Elle, sowie die Schatzkiste „Der einzige zornvolle Guru“.

Im Jahr des Drachen (1484) flog er wie ein Vogel sich schwingend mitdem Klang von Mani vom Rimochen-Felsen im Kuré-Tal und brachte eine Kristallvase hervor, gefüllt mit Langlebenswasser und das Halsstück gekrönt von ineinander geknüpften Pfauenfedern.

Daraufhin blieb er in Serzhong um zu meditieren. Nach Ablauf eines Monats erwachte in ihm eine starke Erfahrung der Erkenntnis, wie er sie niemals zuvor hatte, von dem Wesen aller zyklischen Existenz und deren Transzendenz, vor allem das Verständnis für die Gedanken und Handlungen der Lebewesen in den sechs Daseinsbereichen.

Im Alter von zweiunddreißig Jahren, während des Vollmondes, hatte er bei Sonnenaufgang eine reine Vision: Drei Mädchen führten ihn zum Palast auf dem Kupferfarbenen Berg. In der Mitte dieses besonders kostbaren Palastes saßder Große Orgyen Vajradhara. Er war umgeben von vielen heiligen Vidyadharas Indiens` und Tibets`, sowie einer unvorstellbaren Anzahl von Dakas und Dakinis. Pema Lingpa erblickte das Mandala „das Kompendium der geheimsten Anweisungen des Lama“ und praktizierte dies über sieben Tage. Er erhielt die vier Ermächtigungen in ihrem vollen Umfang, zusätzlich der ausführlichen Unterweisungen des Vajra-Meisters. Die Dharmaschützer zeigten sich alle und unterwarfen sich ihm in striktem Gehorsam. Zu diesem Zeitpunkt erhielt er den geheimen Namen Orgyen Pema Lingpa.

Nachdem er um die Erläuterung für viele Praktiken gebeten hatte, um Hinweise durch Voraussagen und um tiefgründige Belehrungen, kehrte er mit den drei Mädchen in sein eigenes Land zurück und wachte auf.

Aufgrund der inständigen Bitte der Dakinis, ging er im Jahr des Erd-Hasen am zehnten Tag des ersten Herbst-Monates nach Lhodrak in Tibet. Dort, vor dem Hintergrund einer Schar von vielen Mönchen und Laien, entnahm er aus einem löwengesichtigen Felsen, nordöstlich des Mendo-Felsen die Kiste mit dem Text der Geist-Praxis «Lama Juwelen Ozean» zusammen mit heiligen Substanzen und Bildern. Er segnete all jene, die sich dort versammelt hatten und führte sie in den Zustand der vollständigen Reinheit ein.

Am zehnten Tag des Tiger-Monates, nachdem der Mantra-Schützer zweimal die dringende Bitte an ihn richtete, fand er vier in Seide gewickelte Buchbände auf dem Fensterbrett in dem Raum in Tharpaling, wo er sie in seinem vorhergehenden Leben als Longchenpa verborgen hat. Sobald seine Hand sie berührte, zerfielen einige von ihnen vollständig in ihre Einzelteile. Aber die Texte „Die vereinigten Intentionen“ blieben unbeschadet, und mit diesen ging er.

In Samye Chimphu barg er den Schatz des Dzogchen-Zyklus «Die Vereinigung von Samantabhadras erleuchteten Intentionen» (Dzogchen Künsang Gongdü). An verschiedenen anderen heiligen Plätzen enthüllte er unter anderem den Zyklus des «Tantra des Kleinen Kindes» (das der nondualen Grossen Vollendung zugeordnet ist), die «Acht übertragenen Unterweisungen, der Spiegel des Geistes», «Kilaya, das äusserst geheime Rasiermesser der Lebenskraft» (Phurba Yangsang Soki Pudri), «Die Elixir/Amrita-Medizin (-Buddha) Sadhana» (Dütsi Mendrup); Vajrapani, als «der Zähmer der Hochmütigen/Arroganten» und als «der zornvolle Jugendliche», die grössere, ausführliche und kurze Sadhana des zornvollen Guru (Guru Drakpo), «die diamantene Kette der Anweisungen der Langlebenskraft», die «Langlebenspraxis, die Juwelen auf dem Pfad anwendet», die «Drei Schwarzen Zyklen», und zahlreiche andere Belehrungen. Zu seinen Entdeckungen gehören auch unzählige kostbare Substanzen wie heilige Pillen, die über das Schmecken befreien, Kleidung von Guru Rinpoche, etc.

Eigentlich wurde in den geheimen Schatz-Prophezeiungen gesagt, dass Pema Lingpa ein Meister von 108 Schätzen sein würde, aber infolge der Notwendigkeiten in jener Zeit wurden nur 32 geborgen. Die meisten waren öffentliche Schätze. Überdies wurde einige weniger wichtige Schätze an undefinierten Plätzen gefunden.

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Pema Lingpa’s Verwirklichung hatte zum Zeitpunkt seiner Entdeckungen die Stufe der 4. Vision erreicht, des Sich-Erschöpfens aller Phänomene und des konzeptuellen Geistes, und die Weite seiner Sicht war der des Himmels gleich. Er hatte den Sprung in das Erkennen, was als das Spiel der Wirklichkeit selbst erscheint, gemacht und war damit befreit von der Annahme oder Ablehnung des zyklischen Daseins (Samsara) und seiner Transzendenz (Nirwana). Durch den Raum gleitend wie ein Vogel, konnte er Berge ungehindert passieren. Er hinterließ Hand- und Fußabdrücke in den Felsen, als ob es in Lehm wäre.

Er traf viele herausragende Meister, wirklich oder in einer Vision, wie den großen Meister (Padmasambhava) und Yeshe Tsogyal, und hatte unzählige Visionen, in denen er Lehren, Prophezeiungen und Bestätigungen/Segen erhielt. Immer wenn er Einweihungen und Anweisungen gab, begann Nektar zu kochen, fielen Blumenregen nieder, erschienen Regenbögen, und viele andere wunderbare Zeichen manifestierten sich unaufhörlich, nicht nur gelegentlich. Schon ein kleiner Teil des Nektars seiner Rede konnte beim Hören befreien, etwa wenn er die „Vajra-Melodie, die die Verwirklichung inspiriert“ sang. Dies fesselte den Geist aller Anwesenden. Seine ungehinderte Hellsichtigkeit konnte alles Verborgene der drei Zeiten enthüllen, was die Zweifler überzeugte und ihr Interesse weckte. Selbst die Unglücklichen mit der falschen Sicht gelangten nahe an das Ende der zyklischen Existenz, kamen durch seine Wunschgebete unter seinen Schutz und wurden in künftigen Leben seine Anhänger.

Diese unendlichen Qualitäten der großen Glückseligkeit des erhabenen Körpers, der erhabenen Sprache und des erhabenen Geistes von Pema Lingpa liegen jenseits der Fähigkeit des gewöhnlichen rationalen Geistes. In Bezug auf das Gefolge seiner Anhänger und Linienhalter steht im Schatz der Prophezeiungen (Terlung) geschrieben:

Zehntausend Schüler, verbunden durch ihr Karma,

Elf Schüler, verbunden durch die tiefgründigen Methoden,

Eintausend und zwei Schüler verbunden durch ihr Streben,

Sieben Mandalahalter-Söhne

und drei Herzenssöhne werden kommen.

So waren unzählige Schüler durch viel Glück verbunden, ihr Geist in die Schatz-Lehren eingeführt, gereift durch die tiefgründigen Praktiken.

Darüber hinaus vollbrachte er viele Wundertaten und prophezeite, dass er in der Zukunft, im reinen Land Pema Köpa, Buddha Dorje Nyingpo sein werde, und dass vom Glück begünstigte Lebewesen, die eine Verbindung mit ihm haben, ebenfalls in diesem reinen Land wiedergeboren würden.

So sprach er, im Jahr der männlichen Eisen-Schlange (1521), am dritten Tag des ersten Mondmonates, den Körper in Vajra-Haltung, die Hände auf den Kopf seiner zwei Söhne, Dawa und Drakgyel, gelegt, die Silbe „A,AH“ wiederholt rezitierend, und ging in Lhundrup Chöling in Tamshing, Bumthang, in den Dharmadatu ein. Zum Zeitpunkt seines Todes hörten die Einwohner von Dechenchöling und Künzang Drak glückverheissende Klänge und sahen fünffarbige Regenbogenlichter. Der Raum war erfüllt vom Duft von Räucherwerk, begleitet von glückverheissenden Blumenregen. Sein verstorbener Körper schien unverändert und intakt und war aber gesamthaft auf Fußgröße geschrumpft. Später wurde er in einer Reliquien-Stupa in Lhundrup Chöling in Tamshing, Bumthang, aufbewahrt.

Die spirituelle Tradition von Pema Lingpa ist dank der drei Inkarnationslinien von Körper, Rede und Geist bis zum heutigen Tag erhalten. Gangteng, Sungtrül und Tukse Rinpoche halten die Tradition seit Jahrhunderten und übertragen die Lehren von Pema Lingpa an neue Generationen.